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Liebesgesänge
1
In der Melancholie des Abends
und auf der Höhe der Einsamkeit denke ich an dich
dass du mich hörst
mich hörst
Nicht Ausweglosigkeit
deine Abwesenheit ist tödlich
du, die du so fern bist
im Frühling
sorge ich mich
und denke
denke
und umarme deine Liebe
2
wie das Mondlicht auf dem Wasser
wie den Regen, der den Frühling berührt
wie ein Tropfen auf dem Veilchen
so liebe ich dich, meine Einzige
so liebe ich dich
3
leise schlagen die Wellen an den Strand
das Geräusch der Kieselsteine
mischt sich
mit dem Lärm der Möwen
und
die brennende Sonne
der Schatten der
Zypresse
und die Kühle des klaren Meeres
umgibt den Körper
so, Geliebte, fühl ich dich in mir
4
ich bin eine Sonnenblume, Liebste
und dreh mich
dorthin wo du bist
und wenn ich dich verliere nachts
warte ich dass der Tag beginnt
dass der Tag beginnt
5
Die ganze Welt gäbe ich für dein Lachen
eine violette Blume in deinem Haar
und du noch schöner als die Blume
dein Lachen ist die Schlinge um meinem Hals
dein Lachen wie eine verirrte Kugel
Laß mich nicht
laß mich nicht ohne dich sein
reich mir deine Hände für einen Augenblick
ich bin verliebt in dich
verliebt
in dein Lachen
6
wie soll man das aushalten deine Abwesenheit
aushalten und weiterleben
meinen Kopf erhoben mit der Liebe zu dir
mein Herz in tausend Stücken mit
Sehnsucht nach dir
warte ich auf die Zeit nach dem Exil
7
ich binde meine Liebe zu dir an das Leben
mein Leben an Deines
so wie ich das Leben liebe bis in den Tod
so sehr auch dich, dass du es weißt
so sehr auch dich
8
So wie das Glück des Atemholens wenn man
durstig
müde
und am Ende des unbarmherzig steilen Aufstiegs
seinen Rücken an einen Baum lehnt
so stell ich mir die
Rückkehr vor
Yedi Yýlýn Þiirleri
(Kum Verlag, 1996)
dich singe ich
sieben Tage lang
aß ich keinen Brocken
sieben Nächte lang trank ich keinen Schluck
nur dich hab ich gesungen sieben Tage
nur dich
geweint sieben Nächte lang
nur dich gelacht
Yedi Yýlýn Þiirleri
(Kum Verlag, 1996)
Beginn
über sieben
Wellen hinweg
warfen sie sieben Steine ins Meer
dann stiegen sie ins bittere Wasser
und entstiegen ihm vollkommen rein
ohne Sünde
Yedi Yýlýn Þiirleri
(Kum Verlag, 1996)
verändern
was soll das denn nun
Mann
wer bist denn du
dass du die Menschen
ändern willst
ändere deine Wohnung
oder dein Hemd
ändere deinen Weg
und wenn das nicht reicht
dann ändere dich selbst
na los
da hast du genug zu tun
Gecikmiþ Þiirler
(Kum Verlag, 1998
Na
sowas
mit zwei Fingern
gefangen
den Blitz
und ihn eingesperrt in der Faust
Dabei war ich immer für die Freiheit
all die Jahre
Gitmeli Þiirler
(Kum Verlag, 2000)
Ach wäre es so
1
wie schön sie sind
Palmen aufgereiht
in den Straßen von Essen
blonde Frauen braungebrannt
ohne dass sie nach Tunesien gefahren wären
ihre Herzen werden warm
in der
Sonne, die zwölf Monate scheint
ohne
Zweifel
2
Blauer Himmel
Die Ruhr
mündet
ins Mittelmeer
Unter den Tannen
ist es kühl
Von den Taurusbergen herab
schaue ich
auf den Rhein
3
Ein Tropfen fällt
in die Sahara
erst entsteht eine Oase
dann
erblüht ganz Afrika
dem neuen Tage entgegen
die schwarzen Augen
Schwarzafrikas
schauen voller Hoffnung
Die Wüste von Sinai
wird zur blühenden Ebene von Sinai
Der Prophet
wenn er wiederkommt
wird das Paradies neu definieren
Der Missisippi strömt mitten im Jemen
Kamele wandeln auf der Wallstreet
und keine hungrigen Menschen
nächtigen im Central Parc
4
Frankreich schenkt
die Freiheitsstatue
dem Mittleren Osten
die Grenzen fallen
weder Pass noch Waffe
sind notwendig
um von einem Land
ins andere zu gehen
5
Die Wikinger bauen Pyramiden
im hohen Norden
niemand stirbt vor der Zeit
niemand wird ausgepeitscht
weil die Kräne
sich zu langsam drehen
über ihnen
In der Pariser Metro
arbeiten Franzosen
Die Algerier
fürchten sich nicht
und protestieren nicht
wie alle anderen Landsleute auch
gehen sie zu ihrer Arbeit
unter der Erde
6
niemand
wirft jemanden
in die
Seine1
nur weil er
Franzose ist
niemand
wird ertrinken
mitten in Paris
am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts
niemand wird getötet2
weil er nicht Englisch kann
die amerikanische Polizei
spricht auch
Spanisch
in allen Sprachen sagt man nun amtlich “DU“3
nur die Farben
der Haare und der Augen
unterscheiden sich
7
Der Ganges durchfließt
Indien
klar und ungetrübt
von einer Grenze zur anderen
Reinigt das Vereinigte Königreich
von all seinen Sünden
In den Straßen fahren keine
Autos mit schwarzen Fenstern
Ministerpräsidenten spazieren ohne Bodyguard
und trinken sich eins
mit einem
Wähler in der Kneipe an der Ecke
und tanzen mit der Buchhändlerin
aus dem Nachbarland
1 Eine Gruppe französischer Skinheads
warfen einen Nordafrikaner in die Seine und ertränkten ihn.
2 Erich Fried erzählt in einem seiner Gedichte von
Migranten im US-Gefängnis Attica, die zu Tode geprügelt wurden,
weil sie nicht Englisch sprechen konnten. (Erich Fried: 100
Gedichte ohne Vaterland)
3 Während der Regierungszeit von Olaf Palme wurde in
Schweden das “Du“ anstelle des “Sie“ zur offiziellen Anrede
erklärt.
Gecikmiþ Þiirler
(Kum Verlag, 1998
Übersetzungen

Ulla Karadeniz
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